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Detailreiche Krippen vom Krippenbauverein Mittenwald, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer
Bei den Krippenbauern

Blog Archiv 2019 - von Andrea Schmölzer

Ein Krippenverein seit 1920

Wer das Krippenbauen in Mittenwald erlernen möchte, muss erst mal auf die Warteliste. So groß ist der Andrang beim Krippenbauverein, der 2020 sein 100-Jähriges feierte. Wir durften Anfängern und Meistern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen.

Ludwig Knilling leitet den Krippenbauverein seit 2003, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Nur vier „Schüler“ pro Jahr betreut der Verein. Diesmal sind es je zwei junge Frauen und Männer. Lisa, Christina, Ludwig und Hans werkeln seit September jeden Montag- und Mittwochabend im Keller des Kolpingheims. Zwei Krippenbaumeister und drei Helfer stehen ihnen zur Seite. Jetzt geht‘s in den Endspurt.

Auf kleinstem Raum hat hier alles seinen Platz. Fünf Arbeitsbänke auf Rollen, die Stichsäge in der Mitte des hell beleuchteten Raums, am Rand Container mit Werkzeug, Farben, Kleber und Pigmenten, dazu eine kleine Sitzecke mit Küchenzeile. Unter der Decke reihen sich Kisten aneinander, fein säuberlich beschriftet: Altholz, Kork, Borke, Leisten, Seegras, Moos, Heu und Steine, auf einer steht sogar „Eiszapfen“. Eine feine Duftnote aus Holz, Leim- und Farbgeruch liegt in der Luft. Hier und da Gemurmel, sonst Stille. Sofort ist klar: Hier wird konzentriert gearbeitet.

Dann ein kurzes Hallo: Katharina schaut mit ihrer kleinen Tochter Johanna und Fotoapparat vorbei. Sie dokumentiert die Arbeit des Krippenbauvereins. „2020 wurden wir 100!“, sagt sie stolz.

Wie baut man so eine Krippe?

… fragen sich viele. – Nun, zunächst bringt der Schüler ein Bild seiner Wunschkrippe mit. Lisa kam bei der Krippenausstellung am Mittenwalder Christkindlmarkt auf den Geschmack. Sie blätterte durch Skizzenbücher und entwickelte ihre Idee: Ein alter Bergbauernhof mit Holzbalkon, Schindeldach sowie Bachlauf und Brücke davor soll es werden.

Schindeldach von Lisas Bergbauernhof, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Vorstand Ludwig Knilling erklärt den Aufbau: Eine Fichtenholzplatte dient mit Leimwasser grundiert stets als Fundament. Die Landschaft gelingt – wie im Modellbau – mit Gipsabdrücken von Steinen, aber auch Buchenstöcken (Holz aus Wurzelstöcken) oder in Leimwasser getränkter Zeitung, die zu Falten gerückt wird. Bäche gießt man mit Acrylharz. Früher dienten aufgeweichte Eierkartons, Papier, Mörtel und Grundkreide für den Rohbau. „Heute verwenden wir eher Styrodur und PU-Schaum, auch weil sie viel leichter sind.“, so Knilling. Verputzt wird mit Schleifstaub oder Sägemehl, Grundkreide und Leimwasser. Beim Ausbau kommt dann vor allem Holz zum Einsatz.

Verschiedene Arten von Schindeln auf den Dächern. In einer handgemachten Krippe stecken viele Arbeitsstunden., © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Die Meister

Erwin Rossi und Hubert Baumann bauen zwar schon viele Jahre lang Krippen und sind somit alte Hasen. Doch der Mittenwalder und der Wallgauer wollten es genauer wissen: Sie absolvierten die vierjährige Ausbildung zum Meister an der Krippenbauschule in Garmisch-Partenkirchen (einer der fünf Schulen für Holz und Gestaltung). Ob Material- und Stilkunde, Mal- und Fasstechniken oder, wie man verwinkelte orientalische Gassen nachbaut, sie haben’s drauf. Doch Rossi bleibt bescheiden: „Auslernen tust du nie!“ Auch pädagogisch sind sie gewieft und versuchen, ihren Schützlingen nur so viel zu helfen wie nötig: „Je mehr jeder selber macht, desto mehr identifiziert er sich mit seinem Kripperl.“

Der Krippenbauverein hat sich eine kleine Werkstatt im Kolpingheim eingerichtet, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Das Anspruchsvollste beim Krippenbau? – „Die Farbgebung“, kommt es von Baumann wie aus der Pistole geschossen. Dazu brauche man viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Er zeigt das gerade an Lisas Krippe, die auf Felsen stehen soll. Dazu rührt er Farbpulver mit Leimwasser an, moniert dann „das ist zu rosa“ und mischt etwas mehr Grau und Siena dazu. Nach jedem Farbauftrag geht er mit einem feuchten Schwamm drüber. So entsteht nach vielen Runden eine Felslandschaft mit viel Farbtiefe.

Orientalisch oder alpenländisch?

Die Werke der vier Schülerinnen und Schüler decken die ganze Bandbreite ab: Lisas und Christinas Krippen erinnern an Bergbauernhäuser, „weil’s besser hierher passt“. Ludwig baut lieber eine orientalische, „weil die Weihnachtsgeschichte ja aus dem Orient kommt“. Ob sie wie in den Alpen oder im Morgenland aussehen, ist für Rossi reine Geschmacksfrage. „Wir unterstützen alle, und es wird niemandem etwas aufgeschwatzt.“ Hier im Kolpingheim, einen Katzensprung von der historischen Mittenwalder Krippe entfernt, herrscht Toleranz und der Vorstand hilft überall mit.

Der Erbauer soll damit glücklich werden. Denn er nimmt sie ja mit hoam
meint Vereinsvorstand Knilling

Der vierte Schüler Hansi hat sich sogar für eine Schneekrippe entschieden. „Das haben wir nur sehr selten. Die Schneedecke auf Landschaft und Haus gut hinzukriegen, ist sehr anspruchsvoll“, so Knilling, der den Fassadenanstrich übernimmt, weil Hansi heute krank ist.

Wichtige Details

Ruhig werkelt jeder vor sich hin. Dabei erzählt Christina von einer netten Gepflogenheit im Verein: „Wenn der Dachstuhl drauf ist, musst Du Hebauf zahlen“, erzählt sie lachend. Krippenbauer müssen also eine Brotzeit spendieren, sobald der Rohbau steht. Eifrig pinselt die junge Mittenwalderin die kleinen Holzlatten des Obergeschosses an und scheint in ihrer Arbeit völlig aufzugehen. Erwin Rossi berät sie zum idealen Farbton für den abgescheuerten Heuboden.

Christina bemalt ihren Bergbauernhof mit Schindeldach, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Nebendran bearbeitet Lisa ihr Schindeldach, das auf einer luftigen Holzkonstruktion sitzt. Vorsichtig fixiert sie mit dem Heißkleber Leisten auf den Lärchenschindeln. Darauf verteilt sie kleine Korkbrocken. Damit diese Steinen täuschend ähnlich sehen, verrät ihr Meister Baumann einen Trick: Mit feinem, fast trockenen Pinselstrich hellgraue Farbe drauftupfen. Am Schluss kommt noch in der Kaffeemühle geriebenes Moos drauf. Das sieht fein aus und riecht auch so.

Bei der Farbgebung braucht es viel Fingerspitzengefühl, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Ludwig hat bei seiner orientalischen Krippe eine Tüftelarbeit vor sich: Mit einer Pipette träufelt er Farbe in die Fugen einer Wand aus Rindenstücken. Wenn etwas verrinnt, nimmt er‘s gelassen. „So genau muss das alles im Krippenbau nicht sein, darum geht’s nicht“, pflichtet ihm sein Onkel, Ludwig Knilling bei.

Ludwig arbeitet an seiner orientalischen Krippe, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Auf die Frage, welche Figuren später in der fertigen Krippe stehen sollen, scherzt Lisa: „Des einzige, was ich mir leisten kann, is‘ a Schaf“, und spielt damit auf die sündteuren Krippenfiguren aus dem Grödner Tal an.

Extremer Wandel

Seit 2003 leitet Knilling den Krippenbauverein. Vor den ersten Kursen unkten die Alten: „Das macht’s ein- oder zweimal, und dann ist Schluss“. Doch das Angebot ist heiß begehrt. Lisa wartete zum Bespiel drei Jahre auf ihren Platz.

Im Laufe der Zeit hat Knilling den Bau von rund 100 Krippen und einen „extremen Wandel“ miterlebt. Früher wurde viel einfacher gebaut. „Damals diente eine Wasserwanne als See Genezareth im Heiligen Land“, erinnert er sich. Doch nicht nur die Materialien, auch die Ausbildung sei viel professioneller geworden. Er selbst belegte 1995 einen Krippenbaukurs im Tiroler Telfs. „In Oberbayern gab’s da gar nichts. Jetzt ist die Meisterschule für Krippenbau ein Glücksfall für uns“, schwärmt der Mittenwalder. Natürlich steigere das auch den Wettbewerb. Laut dem rührigen Vereinsvorstand gibt es so viele hochwertige Krippen wie nie zuvor.

Doch Professionalität hin oder her. Man müsse sich immer vor Augen halten, wofür man’s macht, meint Knilling.

Im Zentrum sollten schon Weihnachten und die Heilige Familie stehen

Hier sind alle Termine zur Adventzeit in der Alpenwelt Karwendel, darunter auch die Krippenausstellung anlässlich des Mittenwalder Christkindlmarkts. Im Pfarrsaal zeigen die Krippenbauer ihre aktuellen Werke, bevor sie sie nach Hause nehmen.

Die historische Krippe mit wechselnden biblischen Szenen ist in der Weihnachtszeit in der Mittenwalder Pfarrkirche St. Peter und Paul zu sehen. Manche der Figuren sind über 200 Jahre alt.

Das Museum Aschenbrenner im nahen Garmisch-Partenkirchen stellt ganzjährig Krippen aus vier Jahrhunderten aus.

Für Fragen steht der Krippenverein Mittenwald gerne per Mail (info@krippenverein-mittenwald.de) zur Verfügung.

 

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