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Hans Schober in seiner Werkstatt- hier entstehen hochwertige Gamsbärte, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer
Der Gamsbartbinder

Blog Archiv 2016 - von Andrea Schmölzer

Die schönsten Gamsbärte im Alpenraum

In der Regel geht alle 4 Jahre die Gamsbart-Olympiade in Mittenwald über die Bühne. Bartbesitzer aus dem ganzen Alpenraum stellen sich dann der strengen Jury. Höchste Zeit, mehr über den alpenländischen Hutschmuck zu erfahren. Wir sitzen also im Arbeitszimmer von Hans Schober, einem der angesehensten Bartbinder im Alpenraum. Mehrfach hat er „Gold“ bei der Gamsbart-Olympiade eingeheimst. An der Wand ein Murmeltier, eine Wasseramsel, Urkunden, Fotos mit dem Großherzog von Luxemburg, ...

Hans Schober – der Mittenwalder gehört zweifellos zu den besten Gamsbart-Bindern https://awk2.infomaxnet.de/admin/cmsgui.php#im Alpenraum, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Kopfschmuck galt ja schon bei Urvölkern als Ausdruck höheren Standes. Wann und wie wurde der Gamsbart eigentlich Mode?

Hans Schober: Kaiser Max I. von Österreich hat um 1500 schon einen „Radlbart“ getragen, das waren Gamshaare an einem Stück Haut eingerollt. Aber Anfang des 19. Jahrhunderts ging die Jagerei des Adels so richtig los, vor allem mit Erzherzog Johann von Österreich. Einige Adelige hatten im Karwendel enorme Jagdreviere. Der Großherzog von Luxemburg zum Beispiel, dessen Frau eine Zarentochter war, hatte 13 Jager angestellt. Dem Adel gefiel die Tracht, mit den einfachen Leuten zusammen zu sein. So manche Jager und Wilderer steckten sich damals Trophäen an den Hut. Das übernahm der Adel, und so wurden sie salonfähig. Erzherzog Johann, volksnaher Adeliger und leidenschaftlicher Gamsjäger, machte also Tracht samt Gamsbart populär. Hier in Bayern war es vor allem Prinzregent Luitpold.

Wie war das Verhältnis von Einheimischen und Adeligen?

Schober: Kennen Sie folgende G‘schichte? Der Herzog von Sachsen begegnet einem Hirten und fragt ihn: „Kann er nicht grüßen?“ – Drauf der Hirte: „Ja schon, aber ich kenn Dich nicht.“„Ich bin der Prinz von Coburg“ – Der Bursche antwortet: „Na, dann schau, dass dir das Pöstl (Anm. d. Redaktion: den Posten) keiner nimmt“. Oft war der Adel wichtiger Arbeitgeber und suchte das einfache Leben am Land.

Sie binden seit 35 Jahren Gams-, Dachs- und Hirschbärte. Wie kam’s und was hat sich verändert?

Schober: Als junger Kerl hab‘ ich gedacht: Sowas möchte ich auch einmal haben und können. Damals durfte ich einigen Bartbindern auf die Finger schauen. Naja, die zeigen dir nicht alles, auf vieles musst Du einfach selbst draufkommen.

Am meisten gefragt ist nach wie vor der Gamsbart. Doch Jäger in Österreich und in Südtirol tragen auch den Hirsch- und Dachsbart ganz gern. Heutzutage jagern ja immer mehr Frauen. Ich find‘ das schaugt oft richtig gut aus, wenn eine einen Dachsbart aufm Hut hat.

Ja, und Hirschhaar wird rar. Denn die Hirsche kriegen heutzutage im Winter Apfeltrester, bestes Kraftfutter oder Silage. Dann baut der Körper Fettvorrat auf, und das schwächt den Haarwuchs.

Dank Gamsbart-Olympiade kennen Sie die Gepflogenheiten im gesamten Alpenraum. Gibt es Unterschiede?

Schober: Ja, schon. In Österreich trägt hauptsächlich der Jager einen Gamsbart, bei uns in Bayern stecken ihn oft auch „Nicht-Jager“ an; dafür aber nur zum Sonntagsg’wand an hohen Feiertagen, bei einer Hochzeit oder an anderen Festtagen. Bei uns tragen ihn auch Trachtler- oder Musikgruppen, zum Beispiel die Plattlerma’lan (-mädchen) in der Jachenau oder die Musikkapellen von Mittenwald, Krün und Wallgau. Einen Dachsbart hat man in Österreich, Slowenien oder Südtirol, ja sogar im Trentino gerne mal im Alltag drauf. In der Schweiz trägt dafür kaum jemand Tierhaar am Hut.

Dachshaar ist (wie die Borsten einer „Sau“ = Wildschwein) übrigens volles Haar, die Spitzen fühlen sich erstaunlich weich an. Hirsch- und Gamshaar hingegen ist hohl, Hans Schober sagt, „wie ein Strohhalm“. Das Berühren der Gamsbartspitzen gilt als „Sakrileg“, also bloß nicht!

Sie haben schon mehrfach Gold bei der Gamsbart-Olympiade geholt. Was zeichnet einen guten Gamsbartbinder aus?

Schober: Ich hab‘ das Bartbinden immer nach Lust und Liebe gemacht, als reines Hobby. Wenn ich einmal anfange, vergesse ich alles rundrum. Nur nach drei bis vier Stunden durch die Lupe schauen, brauchen meine Augen eine Pause. Sonst seh‘ ich nix mehr. Manchmal fragen Nachbarn, ob sie zuschauen dürfen. Sie wissen aber: Sobald sie eine Unterhaltung anfangen, dann hör‘ ich auf.

Mit höchster Präzision werden die einzelnen Haar unter der Lupe zu kleinen Bündel verschnürt, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Auf Schobers Arbeitstisch stehen schmale Glasröhrchen unterschiedlicher Höhe und eine Lampe mit integrierter Lupe, daneben liegen Schere, Pinzette und Kamm sowie einige Wildhaarbüschel unter einer Metallleiste. Er knotet einen dünnen Faden um ein feines Haarbüschel. Ich staune, wie genau und feinfühlig Schobers kräftige Hände arbeiten.

Das Gamsbart-Binden ist die große Leidenschaft von Hans Schober aus Mittenwald, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Wie machen Sie so einen Gamsbart?

Schober: Ein schöner Bart steht und fällt mit dem Haar. Also ist das Erste beim Bartbinden: Haare besorgen. Dann ist alles ist reine Handarbeit. Zuerst sortiere ich das Haar nach Längen in einem dicken Katalog vor, manchmal auch in einem Telefonbuch. Alles, was stumpf ist, alles was blind ist (ohne Reif, das ist der helle Rand), wird aussortiert. Dann stecke ich sie in die verschiedenen Glasröhren hier und verknote sie zu kleinen Büschel. Die kommen nach Größen auf eine Radspeiche oder ein Drahtgestell. Ziel ist ein schönes Gesamtbild. Insgesamt besteht ein guter Bart aus 30 000 bis 45 000 Haaren. Wenn man’s gut macht, hat man jedes Haar in der Hand.

Die Gamshaare werden in kleine Glasröhrchen gesteckt, um sie der Länge nach zu sortieren, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Das kann dauern, oder?

Ja, allein 100 Stunden brauch‘ ich schon mal, um das Haar auszusuchen, auszuklauben, 50 Stunden dann fürs Binden. Wenn man perfekt arbeitet, dauert das also schon 150 Stunden oder mehr.

Für den Gamsbart nimmt man Grannenhaar vom „Aalstrich“ am Rücken des Gamsbockes. Ebenfalls aus Rückenhaar entsteht der Dachsbart, der Hirschbart dagegen entstammt der Halsmähne.

Diese kleinen Bündel sind Grundlage für einen Gamsbart aus der Hand von Hans Schober, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Woher kriegen Sie das Haar?

Schober: Mit der Zeit kennst du die Jager, und bei uns im Karwendel gibt’s viele Gämsen. Allerdings ist’s hier schwieriger, weil die Jagd verpachtet ist, die Trophäen werden oft verkauft. In Österreich ist’s einfacher, da hat ein Bauer oft eine eigene Jagd dabei. Der besitzt einen Gamsbart, und die anderen Haare gibt er halt weiter.

Die Verkäufer sind keine Geschäftsleute, denen’s vor allem ums Geld geht, sondern sehr anständige meist bäuerliche Menschen. Mit denen kannst Du über einen Schmarrn lachen, der führt Dich zuerst in den Stall, wo in der Nacht vielleicht die Kuh gekalbt hat.

Von den Gamsböcken hat übrigens nur ungefähr ein Zehntel einen ordentlichen Bart. Geißen haben selten einen Bart, dann aber oft schönere Haare.

Anfang Oktober kommt die Gamsbart-Olympiade nach Mittenwald. Wie verläuft der Wettbewerb?

Schober: Jeder Besitzer von Gams-, Hirsch- oder Dachsbärten ist willkommen, der Jury und dem Publikum seine Trophäe zu zeigen. Die Teilnehmer kommen aus Bayern, Österreich, Südtirol, Italien und Slowenien. Mal sind es 40, mal 100, je nach Winter, ob’s viel Haar gibt. Sechs Richter bewerten mit Punkten die Länge und Qualität der Haare, den hellen Reif (den die Haarspitzen bilden), den Bund, die Dichte und Masse sowie den allgemeinen Eindruck. Die besten erhalten Preise.

Bei zahlreichen Gamsbart-Olympiaden konnte Hans Schober mit seinen Gamsbärten viele Preise gewinnen, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Die Sieger der Gamsbart-Olympiade werden geehrt. Sie erhalten – passend zum Geigenbauort Mittenwald – handbemalte Geigenböden. Wer „Gold“ holt, hat die entsprechende Tierfamilie (Bock, Geiß, Kitz) drauf. Dazu gibt’s wunderschöne Urkunden, handgestaltet vom Mittenwalder Lüftlmaler Pfeffer senior.

Eine der zahlreichen Auszeichnungen für die Gamsbärte von Hans Schober, © Alpenwelt Karwendel | Andrea Schmölzer

Was passiert noch bei der Gamsbart-Olympiade?

Schober: Richtig volkstümlich wird das Rahmenprogramm, so wie’s is und so wie ma’s können. Ob bei der geführte Wanderung in der Alpenwelt Karwendel, meist begleitet von einem erfahrenen Jäger, Bauerntheater am Abend oder Frühschoppen am Sonntag mit Musi, Plattlern und einer Tombola des Trachtenvereins- das Rahmenprogramm ist vielfältig. Der ganze Erlös ist für soziale Zwecke, und die Preise sind sehr hochwertig: Hauptpreis ist ein Gams-Abschuss, den die Bayerischen Staatsforste gestiftet haben.

Geben Sie Ihre Erfahrung denn auch weiter?

Schober: Ja, mein Großneffe Christoph fängt jetzt langsam an. Gezeigt hab‘ ich’s schon mehreren, auch anderen Bindern. Wichtig ist halt das, was ein alter Zimmerer mich gelehrt hat: „Eins musst Du Dir merken“, hat er gesagt. „Nie sagen, das ist guat. Allm (immer) sagen, das kannt (könnte) no besser sein.“

Wenn mir ein Bart besonders gut gelingt, stehe ich in der Nacht auf, schau ihn mir nochmal an und freu‘ mich. Das ist das Wichtigste: Die Sache muss Dich von innen raus freuen.

1960 rief man die Gamsbart-Olympiade ins Leben. Bad Goiserns Kurdirektor rief damals beim Wettbewerb aus: „Da geht’s ja zua wia bei einer Olympiade!“ Nach einem gerichtlichen Vergleich darf der Begriff trotz Einspruch des olympischen Komitees verwendet werden.

Die Gamsbart-Olypiade

Bereits 2012 und 2016 fand die traditionelle Gamsbart-Olympiade in Mittenwald statt. Auch im Jahr 2020 sollte diese besondere Veranstaltung wieder in der Alpenwelt Karwendel zu Gast sein, bis sie, auf Grund des Veranstaltungsverbotes durch Corona, schweren Herzens abgesagt werden musste.

Nach Absprache mit den Verantwortlichen wir die nächste Gamsbart-Olympiade in Mittenwald voraussichtlich im Herbst 2022 stattfinden.

Dabei kann man nicht nur den spannenden Wettbewerb um die schönsten Gams-, Dachs- und Hirschbärte miterleben, sondern auch mit Berufsjäger Hörmann zum ehemaligen königlichen Jagdhaus wandern, ein Bauerntheater und einen typisch bayerischen Frühschoppen besuchen.

Wissenswertes

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